Bischof Heinrich Mussinghoff

geb.: 1940 in Osterwick / Westfalen
seit 1995 Bischof von Aachen

 

 

 

Wir fragten Bischof Mussinghoff:

Bischof Mussinghoff, Sie sind geboren in Osterwick / Westfalen , studierten in Münster und Freiburg, waren Leiter des kirchlichen Gerichts in Münster, Stationen bei denen der Rheinländer eher Ernst als Ausgelassenheit vermutet.
Das ist so, ich war immer am Studium sehr interessiert und der Westfale hat eben nicht die leichte Art viel zu feiern. Von daher ist der Weg auch bestimmt gewesen.
 

Muss sich denn das kirchliche Gericht auch mit Karneval befassen?

Nach der Karnevalszeit gibt es immer wieder Anträge auf Eheannullierungen. Es gibt so geprägte Zeiten, nach Weihnachten, nach Karneval und nach den Sommerferien kommen solche Anträge häufiger.

 

Mit Karneval bezeichnet man die Zeit der Ausgelassenheit, der Fröhlichkeit und der überschäumenden Lebensfreude. Nicht in allen Regionen unseres Landes wird der Karneval so ausgelassen gefeiert wie im Rheinland. Liegt es am Einfluss der Kirche oder ist der Rheinländer an sich respektloser?

Respektloser würde ich nicht sagen. Er ist fröhlicher, er ist leichter beim Wort und er ist schneller enthusiastisch als beispielsweise der Westfale. Die Mentalität und die Lebensweise sind schon unterschiedlich.

 

Der Rheinländer hat weniger Probleme damit seinem Nachbarn die Hand zu geben?
Beim Westfalen geht das auch, aber da isst man zuerst einen Sack Salz zusammen und dann geht das auch gut und ist dauerhaft.

 

In überwiegend protestantischen Gegenden hatte es der Karneval schwerer als in den katholischen Bistümern. In einem Kölner Karnevalslied heisst es: „Un d´r Herrjott hät sing Freud“. Ist der Karneval eine katholische Erfindung?

Eine Erfindung weiß ich nicht, aber Karneval und Katholizität gehört zusammen. Als ich in dieses Bistum kam hat man mir gesagt:" Drei Dinge müssen Sie besuchen: Sie müssen die Fronleichnamsprozession in Krefeld, die Annakirmes in Düren und den Aachener Karneval besuchen, dann wissen Sie Bescheid." Karneval ist eine wichtige Zeit.

 

Der Begriff „Karneval“ gedeutet als „carne valis“ (lat.: „Fleisch lebe wohl“) gibt einen Sinn wenn man an die sich anschließende christliche Fastenzeit denkt. Dient Karneval als Ventil, zum „Dampf ablassen“ weil man ja mit dem Aschenkreuz am Aschermittwoch und der sich anschließenden Fastenzeit wieder alles ins Lot bringen kann?

Ich denke schon, dass das damit zusammenhängt, dass man vor der langen Zeit des Fastens, wo auch früher streng gefastet wurde und kein Fleisch gegessen wurde, noch einmal feiert und fröhlich ist und dann aber auch die Fastenzeit ganz ernst nimmt.

 

Freude und Leid als zwei Bilder einer Medaille. Ist das „Fröhlichsein“ typisch für Christen und erinnert uns die Fastenzeit und die Vorbereitung auf Ostern um so mehr an die Vergänglichkeit? Ist Karneval damit auch Teil von Besinnung?

Ich denke schon, dass das ja geprägte Zeiten sind, wo einmal in der Fastenzeit der Ernst der Buße und des Lebens überhaupt wahrgenommen wird und wo auch die Frage nach Reinigung, Buße - Beichte, aufkommt und es dem gegenüber die Zeit der Freude und Fröhlichkeit gibt, die Freude um Ostern, die eine ernsthaftere Freude ist, aber auch die überschäumende Lebensfreude, die es im Karneval gibt, und die noch einmal den Gegensatz von Freude und Leid im Leben deutlich macht.

 

„Kirche und Karneval“   -   ein Widerspruch?

Nein, ich denke das gehört eng zusammen. Karneval und Fastenzeit entsprechen sich und das macht auch das Salz in der Suppe des Christentums aus, dass diese Dinge gelebt und gefeiert werden und eben, jedenfalls, was den katholischen Bereich angeht, auch sehr tief in das Volkstum eingehen.

 

Teil des Karnevals ist auch der Spott und die gezielte Respektlosigkeit gegenüber der Obrigkeit. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Meissner, dient hier sehr oft als Amtsträger, den der Spott der Karnevalisten trifft. Welche Grenzen würden Sie diesem Spott setzen wollen?

Karnevalistische Freude und Spott dürfen so weit gehen, dass es nicht verletzt, dass es die Gefühle auch von "Obrigkeit", auch des Kardinals nicht verletzt.

Dass Spott sein darf und auch sein muss weil es auch karikierend deutlich macht wie man einen Menschen in seinem "obrigkeitlichen" wirken auf die Menschen sieht und wie es sich auswirkt, dass soll man schon tun. Ich glaube, dass alle, die Verantwortung haben und Verantwortung tragen, es brauchen, dass ihnen der Spiegel vorgehalten wird. Das ist im Karneval auf eine angenehme Weise möglich, während man sonst in der harten Auseinandersetzung die Dinge schwerer anbringen kann. Ich würde es mir jedenfalls eine Lehre sein lassen wenn mir der Spiegel auf diese Weise vorgehalten wird und man mir sagt schau doch mal nach wie deine Wirkung ist.

 

Im Internet las ich den Satz „Dä Erzbischof kann saare, wat he will, mer blieve katholisch!“
Kann man als Bischof darüber lachen?
Doch, darüber kann ich schon lachen weil es eigentlich noch einmal deutlich macht, die Leute leben eine bestimmte Art des Christentums. Die muss nicht überall gleich sein, die muss auch nicht allen gefallen, aber was sich in Köln um den Dom herum tut, das ist schon etwas anderes als das, was in Düsseldorf oder in Aachen läuft. Das gehört zu den Menschen dazu und macht ihre Art aus und zeigt auch irgendwo eine Überlebensstrategie.
Nicht alles was die "Obrigkeit" sagt oder will, ist auch das was uns bewegt, sondern dann müssen sie erst mal kommen.

 

Nicht erst durch den Karikaturenstreit steht die Frage im Raum ob Kirche oder allgemein gesagt Religion vom Spott im Karneval ausgenommen sein soll.
Nicht vom Spott ausgenommen aber es gibt Grenzen. Was da mit den Karikaturen war geht einfach für muslimische Menschen zu tief an die Substanz des Glaubens und da sollte man den entsprechenden Respekt haben. Ich kann den eigenen Pastor an Karneval gut durch den Kakao ziehen, ob ich aber den Papst in gleicher Weise durch den Kakao ziehe überlege ich mir aber. Da haben die Katholiken ein gutes Gespür wie weit man gehen kann.

 

In Aachen ist vieles anders. Hier hat der Aachener Karnevalsverein den „Orden wider den tierischen Ernst“ bereits an vier kirchliche Würdenträger verliehen. (Rochus Spieker 1962, Werner Ketzer 1981, Bernard Henrichs und Kardinal Lehmann.) Feiert der Bischof von Aachen auch Karneval?

Ja, ich fliehe und gönne mir ein paar ruhige Tage. Als Karl Lehmann den Orden Wider den Tierischen Ernst bekam war ich anwesend und ich muss sagen es war eine schöne fröhliche Sitzung die mir sehr gut gefallen hat.

 

Karnevalssitzungen in eigener Regie und mit viel ehrenamtlichem Engagement finden in zahlreichen Pfarreien statt. Begrüßen Sie diese Aktivitäten?

Ich denke schon dass dass eine ganz wichtige Geschichte in den Pfarren ist wo das eigene Pfarrleben kritisch  aber auf eine fröhliche Weise betrachtet wird. Man sieht auch wie die Pfarrsitzungen angenommen werden und man tagelang Vorbereitungen trifft und sich auch bemüht die Karten zu bekommen. Der große Karneval ist ja auch aus solchen selbst organisierten Veranstaltungen geboren und dort ist auch der Nährboden für die Zukunft des Karnevals.

 

Kann man Karneval auch in traurigen Zeiten feiern und lässt sich der karnevalistische Frohsinn in den Alltag übertragen?

Ich weiß nicht ob das für jede Situation gilt, aber wenn ich an das Kriegsende hier denke, glaube ich dass es sehr schnell nach solch katastrophalen Ereignissen wieder kommt und man das Leid wieder abschütteln und wieder einmal fröhlich sein kann. Der Karneval ist dann ein gutes Ventil um Leid und Schwierigkeiten wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen. Das ist wie seelische Medizin.

 

Was würden Sie im Karneval ändern?

Ich würde gerne den übermäßigen Alkoholkonsum, besonders von Jugendlichen, eingeschränkt sehen. Da würde ich mir schon eine ordnende Hand wünschen, die etwas zügelt bzw. mäßigt. Das finde ich furchtbar wenn sich junge Menschen betrinken, das hat mit Fröhlichkeit nichts mehr zu tun.

 

Herr Dompropst Hammans, so ganz ungeschoren sollten Sie aus dem Interview nicht davon kommen. Sie werden etwas häufiger gemeinsam mit ihrem Vorgänger, Dompropst Müllejans, bei karnevalistischen Veranstaltungen gesehen. Es macht nicht den Eindruck als seien Sie unfreiwillig dort. Macht es Ihnen Spaß bei karnevalistischen Veranstaltungen zu sein?

Zunächst werde ich eingeladen und gehe auch dorthin, weil es sich gehört und der Dompropst zu vielen öffentlichen Veranstaltungen eingeladen wird. Früher war das nicht so. Da konnte ich nur zur Pfarrsitzung der Pfarre St. Johann gehen und im Vinzensheim mitfeiern. Jetzt werde ich häufiger eingeladen und ich gehe auch hin und habe Spaß daran.

 

Herr Hammans, einige Prinzen starteten in die jeweilige Session nach einem Besuch eines Gottesdienstes im Dom. Im vorigen Jahr fand in St. Foilan eine Messe in "Öcher Platt" statt.

Diese Praxis finde ich sehr gut. In der kommenden Session wird im Januar eine Fahne gesegnet. Ich finde es gut dass man im Rahmen eines Wortgottesdienstes oder einer Messe für das, was man tun will Gottes Segen erbittet. Seit einigen Jahren ist am Aschermittwoch zur Eröffnung der Fastenzeit eine Messe, in der die Predigt und einige Texte in "Öcher Platt" gehalten sind. Die Messe findet um 18:30 Uhr statt.

 

Wir trafen Bischof Mussinghoff  und Dompropst Hammans im Traditionshaus "Alt Aachener Kaffeestuben".